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Spider
(Surfpoeten)
Lesebühne
sax royal
Edo
Popovic
Termin
Clemens Meyer präsentiert
Edo Popovićs neuen Roman »Die Spieler«. Lesung und Gespräch. 12.03.09 / Horns Erben / 21:00
Der Autor
Edo Popović, geboren 1957, lebt in Zagreb. Er war Mitbegründer einer der einflussreichsten Underground-Literaturzeitschriften des ehemaligen Jugoslawiens, sein erster Roman „Ponoćni boogie” („Mitternachtsboogie”, 1987) wurde zum Kultbuch seiner Generation. 1991-1995 war Popović Kriegsreporter, anschließend veröffentlichte er mehrere Romane und Erzählbände. Edo Popović gilt als die Stimme des urbanen Kroatiens und der Verlierer der gesellschaftlichen Transformation. In folgenden Büchern vertreten: »Die Spieler« »Kalda« »Ausfahrt Zagreb-Süd«
Leseprobe 1
Von Austern und
Dragoners Pudel Nun sah Dragoner nicht mehr auf die Uhr, sondern saß mit Zweizentner im Separée des Restaurants mit Ausblick auf den Friedhof Mirogoj, wo sie das Geschäft feierten, dass sie gerade auf dem Parkplatz abgeschlossen hatt en. Auf dem Parkplatz hatt en sich simultan zwei Dinge abgespielt: die Mappe mit den Kopien von Folos Bericht war in Dragoners Tasche geglitt en, während ein gewöhnlicher weißer Briefumschlag elegant in die Innentasche von Zweizentners Italo-Jackett gewandert war, das beinahe nicht mehr nach Geschäft roch. Und jetzt schlürft en sie Austern und begossen sie mit Champagner. Das ist nicht schlecht, sagte Zweizentner, während er mit seinen dicken Fingern auf der Platt e mit den Austern herumhantierte. Ihr Journalisten versteht was vom Genießen. Und du hast dich angeblich vor Arbeit überschlagen, sagte Dragoner, nur um irgendetwas zu sagen. Er hatt e keine besondere Lust, mit Zweizentner zu reden. Seit zwölf langen Jahren wiederholte er mindestens einmal die Woche dieses Ritual. Er hatt e sich an allen möglichen Visagen satt gesehen, an allen möglichen Geschichten satt gefressen, und schon Die Umstellung auf Euro fällt mir irgendwie schwer, der mit seinen Austern beschäft igte Zweizentner bemerkte gar nicht, dass Dragoner abgedrift et war. Es kommt mir vor, als hätt e ich dir das Ganze für Peanuts gegeben … fünf lächerliche Tausend … irgendwas. Verdammt, sagte Dragoner, der gerade dabei war, den Pudel für sein ungehöriges Benehmen im Café zu tadeln, du hätt est mir auch gleich sagen können, dass du slowenische Tolar haben willst. Ha, ha, ha! Der ist gut, sagte Zweizentner. Na, dann will ich mal nachsehen, was ich für die Peanuts bekommen habe, sagte Dragoner und nahm die Mappe aus der Tasche. Muss das hier sein?, fragte Zweizentner und blickte sich um. Komm, mach mal halblang, sagte Dragoner. Zweizentner seufzte und goss sich Champagner nach. Brut Barocco, was für ein Name, murmelte er. Boris Elazar!, Dragoner war perplex, den kenne ich, er schreibt nicht schlecht, hat für uns auch schon einige Texte geschrieben. Super, sagte Zweizentner. Was ist das denn für ein Mist!, Dragoner starrte in die Mappe. Was hast du mir denn hier untergejubelt, was soll Elazar mit den Arabern zu tun haben? Der ist doch Jude. Leise, sagte Zweizentner, du schreist ja wie ein beschissener Kolporteur. Elazar ist Alki, er ist gaga, völlig durch den Wind, aber das hier … Dragoner blätt erte nervös in dem Bericht. Ich weiß darüber gar nichts, sagte Zweizentner. Folos Büro leitet die Ermitt lungen, ich bin sozusagen nur der Kurier. [...]
Leseprobe 2
Von einer weinenden Dame mit russischem Akzent
Tiefer konnte die Abteilung für Kulturterrorismus nicht sinken. Warum? Sie befand sich in der Krise, darum. Es gab nichts zu tun. Immer seltener war der Regierung etwas ein Dorn im Auge. Nicht die blasseste Spur eines Chomsky weit und breit. Und wer musste es ausbaden? Folo natürlich. Das reinste Elend. Folo war der einzige Beschäft igte bei Akulter, er war sein eigener Abteilungsleiter, seine Sekretärin, seine Putzfrau, einfach alles. Der Polizeiminister scherte sich keinen Deut um ihn, der Finanzminister noch weniger, sonst würde Folo doch etwas Besseres fahren als diese alte Kiste, oder? Akulter war das dreizehnte, das vierzehnte oder sogar das fünfzehnte Schweinchen, auf jeden Fall das kleinste unter all den Schweinen der verschiedenen Polizeiabteilungen, die gierig die Kohle der Steuerzahler verschlangen, auch wenn das möglicherweise wie eine allzu prätentiöse und dumme Metapher klingt. Folo saß also in seinem Büro und blätt erte in einer Zeitung: AKTIVIST DER KATHOLISCHEN NATIONALLIGA VERGEWALTIGT ELF KINDER BETRUNKENER POLIZIST BRINGT ANGETRUNKENEN FAHRRADFAHRER ZU FALL FRAU TÄTOWIERT SICH HANDY AUF DEN RÜCKEN JOURNALISTIN HEIRATET JORDANISCHEN PRINZEN MARADONA SPRICHT UND ISST WIEDER als es an der Tür klingelte. Folo konnte sich nicht erinnern, wann zuletzt eine normale Person bei Akulter geklingelt hatte. Vor der Tür stand die Dame, die bei der Beerdigung so geweint hatte und die er für die Schwester des Märzhasen hielt. Bitte?, sagte Folo und musterte sie von Kopf bis Fuß. Sie war für einen Moment verwirrt, als sie begriff , dass sie Folo schon bei der Beerdigung gesehen hatte. Ihm hingegen war nicht klar, wieso sie jetzt bei ihm auft auchte. Hatte der Märzhase seine … hm, nennen wir es mal Freizeitbeschäft igung, etwa nicht geheim gehalten? Herr Folo?, fragte sie. Folo nickte und fragte sich, woher sie wohl diesen russischen Akzent hatte. Darf ich hereinkommen?, fragte sie. Nur zu, sagte er. Sie sieht viel besser aus als bei der Beerdigung, dachte Folo, während er sie musterte. Ich bin eine Freundin von Dalibor, sagte sie, und ihre Augen bewegten sich ständig zwischen Folos Gesicht und einem Punkt an der Wand hin und her. Dalibor?, fragte er und hob seinen Blick von ihren Brüsten, die sich perfekt unter ihrem eng anliegenden T-Shirt abzeichneten. Dalibor Funtak, sagte sie, während ihr Blick auf Folos Gesicht zur Ruhe kam. Ach ja, natürlich, antwortete er, da ihm einfiel, dass Spitzel neben ihren Tarnnamen auch ganz normale bürgerliche Namen haben. Sie stand da, als warte sie auf irgendetwas, und Folo begriff, dass es anständig wäre, ihr einen Stuhl anzubieten. Aber nicht den Spitzelstuhl, auf dem der Märzhase alias Dalibor Funtak so oft gesessen hatte. Das wäre vielleicht unpassend, ging es ihm durch den Kopf. Bitteschön, sagte er und wies auf den hölzernen Spitzelstuhl. Sie fragen sich sicher, warum ich gekommen bin, sagte sie. Folo nickte. Und nicht nur das. Er fragte sich auch, was sie in der Geschichte des Märzhasen zu suchen habe, welcher gute Geist die beiden wohl zusammen geführt hatte. Ich bin etwas verwirrt, sagte sie, ich habe nicht erwartet, dass Sie der Mann sind, der … Sie verstehen schon. Das Leben ist voller Überraschungen, sagte Folo. Dalibor hat etwas für Sie hinterlassen, kam sie unvermittelt zur Sache. Sie zog einen Umschlag aus ihrer Tasche und legte ihn auf den Tisch. Einen gewöhnlichen weißen Umschlag, auf den jemand von Hand seine Adresse geschrieben hatte: Herrn Abteilungsleiter Folo, AKULTER, Odranska 184/4. Er hat gesagt, dass ich Ihnen das übergeben soll, wenn ihm etwas zustößt. Warum haben Sie den Brief nicht der Polizei gegeben?, fragte Folo. Ich vermute mal, dass die mit Ihnen gesprochen haben. Ja, das haben sie, sagte sie und fügte leise hinzu, in letzter Zeit sogar häufiger als sonst. Aber, fuhr sie mit klarer Stimme fort, Dalibor hat gesagt, dass ich Ihnen den Brief geben soll und niemand anderem. Und außerdem, sie sah ihn an, sind Sie doch auch Polizist oder etwa nicht? Eigentlich schon, sagte Folo. Wann hat … Dalibor … Ihnen diesen Umschlag gegeben?Drei Tage, bevor er ermordet wurde. Und er hat Ihnen nichts weiter gesagt? Sie schüttelte den Kopf. Es sei eine Absicherung, hat er gesagt. Folo nickte. [...]
Leseprobe 3
Baseball für Punker und Pazifisten
Es ist nicht dasselbe Gefühl, definitiv nicht. Hundertmal bin ich über diesen Parkplatz gegangen, aber jetzt ist es etwas anderes. Auch jetzt liegt die hohe rote Ziegelsteinmauer hinter mir, das Verwaltungsgebäude, der Zellentrakt, der Glasturm mit den Wächtern.Ich spüre den Blick des Bullen an der Pforte in meinem Rücken. Aber heute werde ich nicht wieder in diesen Käfig zurückgehen. Ich fühle mich wie ein Leopard. Mit dem Rucksack über der Schulter gehe ich zum letzten Mal über den Gefängnisparkplatz und atme. Oh Mann, ich atme kräftig durch, alle hinter der Mauer da können mich hören. Der Gefängnisdirektor, die Wächter, die Gefangenen – was für ein verrücktes Gefühl. Kennst du das, wenn du einen Tritt in den Solarplexus oder in die Eier bekommen hast … und deine Lunge explodiert, das Gehirn und die Augen bersten, alles wird trüb, und du musst kotzen, du stirbst, oh Mann, und du willst nur noch, dass alles schnell zu Ende geht, aber dann beginnt die Lunge plötzlich wieder zu funktionieren. Zuerst stockt sie ein wenig, aber dann findet sie langsam wieder ihren Rhythmus, dein Blick wird wieder klar, und du beginnst, mit voller Kraft zu atmen … Es ist gut. Ich atme und sehe den Bosnier und den Hässlichen, wie sie sich über die Straße schleppen. Sie haben draußen was zu tun, keine Ahnung, was sie heute vorhaben. Wahrscheinlich drücken sie sich gerade wieder um irgendeine Arbeit. Ich hatte auch Freigang. Ich habe außerhalb der Mauern gearbeitet, ich habe in dem Café da oben gekellnert. Das war gut. Es wäre super gewesen, wenn ich abends nicht zurück in die Zelle gemusst hätte. Jetzt drehen sich der Bosnier und der Hässliche nach mir um und sehen mich an. Du gehst, Alter? Ich sage nichts. Die beiden gehen mir am Arsch vorbei. Ich atme. Ich heiße Niko. Wir haben uns lange nicht gesehen. Zwei Jahre. So lange war ich im Bau. Okay, ich hatte mich aus heiterem Himmel auf diesen Typen gestürzt, das hab ich vor Gericht ja auch zugegeben, aber ich wollte ihn nicht … naja, zum Krüppel machen. Ich habe in jener Nacht einfach etwas stärker ausgeholt, und der Typ ist in letzter Sekunde ungünstig ausgewichen, und da habe ich ihn mit dem Schläger nicht wie beabsichtigt an der Schulter, sondern am Kopf getroffen, und seitdem funktioniert der Typ nur noch zu fünfzig Prozent. Und ich bin da gelandet, wo ich eben gelandet bin. Ich rechtfertige mich nicht, aber ich kann ehrlich sagen, dass es mir leid tut für den Typen, ich wollte ihn wirklich nicht so hart treffen. Er sollte nur eine kräft igere Tracht Prügel bekommen. Als Warnung für die anderen, wie Darko es ausgedrückt hatte. Es war nämlich Darkos Idee gewesen. Lass uns ein paar Schwule aufmischen, hatte er gesagt. Eigentlich war es nicht einmal seine Idee gewesen. Darko sprudelte nicht gerade vor Ideen. Den Auftrag hatte er von Max bekommen. Max war früher eine wichtige Person in der Nordkurve gewesen, aber dann begann er für den General zu arbeiten, das wussten alle. Der General war ein undurchsichtiger Mann. Eigentlich war er gar kein General, er wurde nur so genannt, und er war nicht der Typ, mit dem ich gerne Kaffee trinken würde, einfach nicht mein Fall. Aber Max war halt zuständig für bestimmte Aufgaben. Er organisierte Angriffe auf Punker, Pazifisten, Schwarze, Schwule und ähnliche Personenkreise. [...] |