Ein Gespräch mit Lyrikerin Nora Gomringer 

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»Ich musste mich an mehreren Fronten verausgaben.«

Mit ihrer Lyrik knackt NORA GOMRINGER Denkschablonen – an der Schule, in Theatern oder im Netz. Im Kulturkampf um ein Gedicht ihres Vaters allerdings haben alle Seiten versucht, sie in ihre Schablonen zu pressen.

von Oliver Uschmann

In der Villa Concordia herrscht Bahnhofsstimmung. Das internationale Künstlerhaus in Bamberg, dem Nora Gomringer als Direktorin vorsteht, wird renoviert. Immer wieder ruft sie in den Hintergrund, um die emsigen Männer zu delegieren. Hat man ihre stark von der Performance lebende Lyrik im Ohr, könnte mit dem Ruf »Herr Stöcklein, Handwerker!« auch ein frisches Gedicht beginnen.

Journalisten denken in Stoffen, Romanciers in Konflikten. Wie denkt eine Lyrikerin?
Ich achte darauf, wie Menschen sprechen. Ich denke in Klang als ein die Existenz tief berührendes Echo. Den Ausschlag für mein Schreiben geben häufig Geschichten anderer Leute, die Freunde mir zutragen, weil sie diese Erlebnisse umtreiben. Da meine Texte stark von der Aufführung leben, denke ich außerdem in Pointen. Den Wunsch vieler Lyriker, man möge ihnen wie einem Glas Whisky alleine im Ohrensessel begegnen, teile ich nicht.

Dennoch braucht Lyrik Konzentration. Wie verträgt sich das mit der fleißigen Bestückung Ihrer Profile in den sozialen Netzwerken?
In meinem Fall sehr gut, denn ich brauche eine Menge Stoff, um daraus ein Extrakt bilden zu können. Die größte Veränderung in meinem Leben hat sowieso nicht die Technik verursacht, sondern die Trennung von meinem Mann. Seither habe ich noch weniger Geduld. Lange Bücher lese ich kaum noch. Ich verknappe in Lektüre wie Produktion.

Sie besuchen gerne Schulen. Ihre aktuelle Anthologie »#poesie« kombiniert gegenwärtige Lyrik bis zum HipHop mit Kurzporträts von Epochen sowie weitläufiger Verschlagwortung. So soll in den Köpfen der Teenager ein assoziatives Feuerwerk gezündet werden. Wie erleben sie die Pubertierenden von heute?
Meiner Erfahrung nach sind alle Jugendlichen erstmal Marxisten. In dem Sinne, dass sie dich nur respektieren, wenn du der Gesellschaft nützlich bist. Daher begegnen sie einem Kulturmenschen mit Skepsis. Bis ihnen klar wird, dass auch ich arbeitstätig bin und statt Feuer zu löschen oder Autos zu bauen eben professionell Lyrik produziere. Auf der anderen Seite ist man niemals offener für Poesie als in dieser Lebensphase. Die Kids reflektieren entwaffnend offen über die depressive Mama oder ringen mit der Tyrannei des Vaters.

In den vergangenen Monaten ist die konkrete Lyrik ihres Vaters Eugen Gomringer zum Politikum geworden. Auf Drängen des AStA wurde sein Gedicht »avenidas« von der Südfassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin entfernt. Die Studentinnen werteten die Verse über einen »Bewunderer« von Natur und Weiblichkeit als »sexistisch«. Bei Ihnen konnte man daraufhin Klebeschablonen des Gedichtes bestellen, um sie überall im Land anzubringen.
Wobei ich an dieser Stelle den Eindruck korrigieren muss, ich hätte eine nähere Beziehung zu meinem Vater. Ich sehe den Mann drei Mal im Jahr, wir mögen uns, halten aber Abstand. Wenn allerdings seine Kunst angegriffen wird, äußere ich mich natürlich. Zumal ich schon als Kind von ihm selber über die konkrete Poesie gelernt habe: Was da steht, ist genauso gemeint. Alles andere geschieht nur im Gehirn. Das musste ich deutlich machen.

Wie kann ein AStA dermaßen unterbelichtet sein, den Kontext nicht zu sehen? Sie sind Feministin. Die von ihrem Vater erfundene konkrete Poesie hätten die Nazis als »entartete Kunst« gewertet. Hat überhaupt jemand vor der Kampagne gegen das Wandgedicht mit Ihrer Familie gesprochen?
Es ist schön, dass Sie sich so aufregen. Die Studierendenschaft war seit 2012 damit unzufrieden, dass die Anbringung des Gedichts ursprünglich ohne studentische Mitsprache geschehen war. Als sie vergangenen Spätsommer schließlich ernst gemacht haben, öffneten sie damit die Büchse der Pandora. Nach dem ersten Bericht begann das ganze Land auf den Nerven dieses kleinen AStA herumzutrampeln. Eine Delegation flehte meinen Vater förmlich an, sich nicht erneut öffentlich zu äußern. »Ich bin 93 Jahre alt«, meinte er, »ich werde mich äußern, wenn ich es für richtig halte.« Er war immer diskussionsbereit. Sein Gespräch mit 3Sat zeigt seine gelassene Größe. Nach dem Delegationsbesuch gab es keine Begegnung mehr, sondern nur die Nachricht, dass das Gedicht abgeräumt wird.

… und ausgerechnet Sie werden mittlerweile von Rechtskonservativen als Heldin gegen die linke Gesinnungsdiktatur gefeiert.
Dabei schätze ich das Engagement der Studierenden. Nur je verbiesterter sich die Linken benehmen, desto mehr Platz gibt es für ein intellektualisiertes Spektrum auf der rechten Seite. Die AfD hätte mich am liebsten in ihrem Kulturausschuss gesehen. Sie haben eine Lesbe als Parteivorsitzende und ziehen so viele ausländische Mitbürger auf ihre Seite, wie sie nur können, um zu behaupten: »Seht her, wir sind der Pool der Verfemten, wir sind das eigentliche Volk.« Dabei geben mir die ganzen Empörten implizit einen drauf, indem sie mich zur Sekretärin meines Vaters degradieren.

Sexismus und Ageismus in einer Geste.
Ich bin froh, dass das mal einer sagt. Ich musste mich an mehreren Fronten verausgaben.

Kann man sagen, dass trotz Parallelwelten, in denen man formal Texte gendert, Geschlechterklischees im realen Leben genauso ungebrochen vorhanden sind wie Altersdiskriminierung und Bodyshaming?
Absolut! Von diesen Diskussionen kommt im klassischen Frau-Mann-Spiel nichts an. Es gibt zwar einerseits eine Armee wunderbarer übergewichtiger Frauen, die auf Instagram Yoga machen, aber gleichzeitig wächst der Markt der Size-Zero-Mode. Und so sehr wir Heidi Klum hassen, so sehr lieben wir auch die Heidi. Den jungen Schülerinnen erzähle ich immer, dass ein Leben jenseits Größe 36 möglich ist.

Das Gegenteil alberner Symbolpolitik ist wirklich mutiger Aktivismus. Haben Sie in diesem Sinne eine persönliche Heldin?
Ganz aktuell bewundere ich Jennifer Lawrence, die ein Jahr Pause von Hollywood nimmt, um durch die Schulen zu reisen und auf die Lobbymacht der NRA aufmerksam zu machen. Veränderungen geschehen in den USA selten auf nationaler Ebene, sondern immer Bundesstaat für Bundesstaat. Auch das Frauenwahlrecht oder die Schwulenehe wurden so erkämpft. Das wird ein harter Ritt für die junge Frau, vor der ich dafür den Hut ziehe.


© Judith Kinitz

Nora Gomringer gilt als eine der bedeutensten Lyrikerinnen der Gegenwart. Die Schweizerin und Deutsche lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet. Gefördert vom Freistaat Bayern, gastieren und arbeiten dort Künstlerinnen und Künstler internationaler Herkunft. Seit 2000 hat Gomringer acht 8 Lyrikbände sowie Essays, Kurzgeschichten, Radiostücke, Sprechtexte und (Opern-)Libretti publiziert. Nach Dozenturen in Koblenz/Landau, Kiel, Sheffield und Wien hat sie seit 2018 gemeinsam mit Philipp Scholz die Poetikprofessur der Uni Klagenfurt inne.

Hier gehts zu ihren Büchern bei Voland & Quist.

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