Jurij Andruchowytschs Moscoviada 

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Zeit mal wieder über ein Buch zu schreiben, das mir sehr gefallen hat und gern auch in unserem Verlag hätte erscheinen können: Jurij Andruchowytschs Moscoviada (Suhrkamp 2006) ist das neueste Buch für unsere Blog-Rubrik Stiefbücher.

Der Protagonist Otto von F., ein gewitzter, patriotischer aber träger Student im Moskau des Jahres 1992 und lebt im Dichter-Wohnheim des Gorki-Instituts, einer Art Kaderschmiede für angehende sowjetische Schriftsteller. Als Ukrainer ist er dort nur einer unter vielen größtenteils skurrilen Vertretern der Republiken des maroden Imperiums.

An einem regnerischen Tag im Mai driftet er durch ein grotesk apokalyptisches Moskau, besäuft sich mit Freunden in eine üblen Trinkhalle, hat Sex mit diversen Frauen, versucht seinen Freund Kyrylo zu besuchen, mit dem er eine „progressive ukrainische Zeitschrift“ herausgeben will, landet stattdessen in einem gigantischen Kinderkaufhaus, in dem es nur ein Produkt gibt, von dort in der Kanalisation, wo er sich prügelt und schließlich vom KGB aufgegriffen und angeblich an monströse Ratten verfüttert werden soll. Es gelingt die Flucht durch eine dreiste Maskerade. Aber statt in der Freiheit der Oberwelt landet er in einem surrealen Geheimkongress wo Lenin, Dserschinski, Katharina II, diverse Generäle und andere Maßnahmen zur Wiederbelebung des Sowjetreiches diskutieren. Sie wollen den nach Unabhängigkeit strebende Republiken ebendiese „schenken“, d.h. dem (beförderten) Chaos überlassen und/oder Marionettenregierungen installieren, die die Demokratie diskreditieren sollen. So dass die „freien“ Völker sich nach der alten Zeit zurücksehnen und freiwillig in den Schoß eines neuen alten Imperiums zurückkehren.

Andruchowytsch, der ja auch mit seiner kritischen Dankesrede zur Verleihung des Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung 2006 Aufsehen erregte (er kritisierte die durch die EU nicht vollzogene Anerkennung der Ukraine als europäisches Land, z.B. mittels einer diskriminierenden Visa-Praxis), bewies sich schon in diesem frühen Werk als kluger politischer Kopf mit fast prophetischen Gaben, wenn man sich Russland heute unter Putin anschaut.

Trotz seines ernsten Hintergrundes ist Moscoviada rasant und mitreißend geschrieben, voller witziger, pointierter Dialoge und ein so sprudelnder Quell an originellen Ideen/Schauplätzen/Figuren, dass man einfach nur staunen kann.

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