Laudatio Förderpreis Komische Literatur 2016 für Kirsten Fuchs 

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Kürzlich wurde unserer Autorin Kirsten Fuchs der Förderpreis Komische Literatur 2016 verliehen. Den Kasseler Literaturpreis für Grotesken Humor 2016 erhielt der Schriftsteller Wolf Haas. Mehr Info zu den beiden Preisen, die explizit das Komische in der Literatur auszeichnen, hier.

Und hier die beiden Preisträger in Kassel:

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Die Laudatio auf Kirsten durfte ich halten, nachzulesen im Folgenden:

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es freut mich sehr, dass nach Jochen Schmidt 2004 nun erneut ein Vertreter der Lesebühnenszene mit dem Förderpreis Komische Literatur ausgezeichnet wird. Kirsten Fuchs ist sicherlich die bekannteste und erfolgreichste Vertreterin dieser Szene.

Kirsten Fuchs wurde 1977 in Karl-Marx-Stadt geboren, wuchs aber in Berlin auf. Sie hatte schon als Kind Spaß am Ausdenken, am Rumspinnen und Erzählen. Das Schreiben war irgendwann einfach ein weiterer Kanal dafür, könnte man vielleicht sagen.

Als 15-Jährige besuchte sie 1993 eine Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Nach dem Abitur begann sie ein Literaturstudium an der Humboldt-Universität – das war ihr aber zu trocken. Sie wollte lieber etwas »Schmutziges, Lautes, Konkretes« machen, wie sie einmal sagte, und begann eine Tischlerlehre (eine ihrer selbst gebrannten CDs mit eigenen Texten war dann auch passend »Schreinerin der Herzen« betitelt).

Nach der Lehre hat sie die Lesebühnen für sich entdeckt, erst als Gast, dann ab 2002 als Mitglied. Diese trugen so klingende Namen wie »Blauer Drache«, »Erfolgsschriftsteller im Schacht«, »O-Ton Ute« und »Chaussee der Enthusiasten«. Schriftstellerin zu werden war jedoch eigentlich nie ihr Ziel, ihr Antrieb für das Schreiben blieb das Ausdenken. Zeitweise war sie sogar Mitglied von mehreren Lesebühnen gleichzeitig. Das bedeutete, jede Woche mindestens zwei neue Texte zu schreiben – sie hatte einfach zu viel zu erzählen, schätze ich.

Das war früher. Als viel bewunderte Eminenz der Szene kann sie es sich mittlerweile jedoch leisten, Nachwuchs um sich zu scharen und nur noch monatlich aufzutreten – ihre aktuelle Lesebühne heißt also dementsprechend schlicht: »Fuchs & Söhne«.

An dieser Stelle eine Bemerkung zu Lesebühnen: Eine Lesebühne ist eine feste Gruppe von Autoren, die sich regelmäßig trifft, um neue, selbst verfasste Geschichten vorzulesen. Im Unterschied zum Poetry Slam gibt es hier keinen Wettbewerb. Oft wird der Alltag der Autoren zu humorvollen, satirischen Texten veredelt, im Zentrum steht ein Ich-Erzähler. Auch Kirsten Fuchs ist zu Hause im Mikrokosmos Alltag. Sie beobachtet genau, ihre Menschenkenntnis ist bewundernswert. Von Kirsten Fuchs jedoch zu behaupten, sie würde sich »nur« mit Alltagsproblemen auseinandersetzen, unterschlägt die psychologische Tiefe, die ihre Texte ausmachen. Bei Kirsten Fuchs ist das Entscheidende nicht einfach das, was passiert bzw. was geschildert wird. Das, was ihre Geschichten zu etwas Besonderem macht, ist das Wie, ihr Blickwinkel, die Ideen, die Assoziationen.

Wie viel der realen Person Kirsten Fuchs steckt aber nun wirklich in ihren Lesebühnentexten? Dazu zitiere ich einen Rezensenten: »Ob ihre Geschichten alle stimmen, ist egal. Sie stimmen trotzdem.« Denn darum geht es: Sie handeln von den Erlebnissen einer Ich-Erzählerin, und man darf lachen, ja, muss es sogar, aber man erfährt dabei meist auch etwas Grundsätzliches: über das Leben, über Beziehungen, manchmal auch über sich selbst.

Das Schlüsselwort für das Schreiben von Kirsten Fuchs ist: Fantasie. Genauer: überbordende Fantasie. In einem ihrer Texte erzählt sie, sie sei auf der Gesamtschule gewesen, weil sie zu wenig Konzentration für gute Noten und damit fürs Gymnasium hatte, ich zitiere: »Logisch, wenn man den halben Tag im Kopf tanzt oder Schlagzeug spielt.« Genauso stelle ich mir die jugendliche Kirsten Fuchs vor: irgendwie verträumt, verpeilt würde man heute vielleicht sogar sagen, aber trotzdem auch schlagfertig und witzig. Und ziemlich cool.

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Kirsten Fuchs‘ Geschichten jedenfalls sind skurril, schnoddrig, hintergründig, oft um mindestens drei Ecken gedacht, entwaffnend ehrlich, derb, melancholisch, verträumt, sehr witzig und sehr originell, oder wie es mal eine Rezensentin treffend ausdrückte: »Das ist kein harmlos verschmunzelter Emanzen-Pop. Das ist viel besser, mehr Pippi Langstrumpf als Bridget Jones.«

Kirsten Fuchs kann jedoch nicht nur die sehr kurze Form: 2003 erhielt sie ihren ersten Literaturpreis, und zwar für einen Romanauszug. Sie gewann den renommierten Open Mike, DEN Nachwuchswettbewerb der Literaturbranche. Hier ist sie dann auch zum ersten Mal dem Betrieb, d.h. Agenten und Verlagen, aufgefallen: Folgerichtig erschien zwei Jahre später ihr Debütroman »Die Titanic und Herr Berg« bei Rowohlt Berlin. 2008 der nächste: »Heile heile«. Und letztes Jahr veröffentlichte sie den von der Kritik hochgelobten Roman »Mädchenmeute«. Ihre wichtigste Veröffentlichung allerdings wird 2009 erschienen sein: ihre Tochter Nina. Mit der bereist sie dieses Jahr die Welt, und auf »Welt und Kind« bloggt sie darüber.

Wie kam nun Kirsten Fuchs zu uns, zum Verlag Voland & Quist? Als Lesebühnenautorin kannten wir sie schon lange, aber 2008 ergab sich die Gelegenheit zur Zusammenarbeit. Für die Fernsehsendung »Nicht der Süden« sollte sie die Arktis bereisen. Zusammen mit Volker Strübing, einem unserer Autoren. Das gleichnamige Buch, das dabei als Reisebericht entstehen sollte, würde bei Voland & Quist erscheinen.

Ich weiß noch: Obwohl das ganze Projekt unter einem wahnsinnigen Zeitdruck entstand, lieferte Kirsten etwas ab, was mich noch heute verblüfft: einen kompletten Roman! Einen Roman, in dem die Protagonistin, die Enkelin von Kirsten Fuchs, auf den Spuren ihrer Großmutter im Jahr 2063 eine Reise zum letzten Eisbären unternimmt, ebenfalls begleitet von einem Kamerateam. Das was Kirsten auf dieser Reise wirklich erlebt hat, wurde durch ihre Fantasie transformiert – und heraus kam eine Art Science Fiction.

Zwei Erzählbände haben wir mittlerweile von ihr veröffentlicht. Als ihr Verleger und Lektor versetzt sie mich oft in Staunen. Ja, ich sitze oft da und denke: Geht denn das so? Kann man das so schreiben? Das ergibt manchmal auch recht hitzige Diskussionen. Aber: ja, man kann. Bzw. Kirsten Fuchs kann. Und sie sollte auch. Denn so entsteht dieser besondere, sehr originelle Kirsten-Fuchs-Stil. In der Begründung der Jury heißt es treffend, sie pflege »einen unverwechselbaren Ton« – ich versteige mich dazu, zu behaupten: Einen Text von Kirsten Fuchs erkenne ich zwischen hundert anderen, so unverwechselbar sind Sprachwitz und Humor. (Kleiner Tipp: Achten Sie auf Neologismen und durch die Mangel gedrehte Sprichwörter und Redewendungen.)

Liebeskummer z.B. klingt so: »Mein Herz tut weh. Ich esse Bratwurst mit Auakraut.«
Angst so: »Ich kam nicht dagegen an, dass mein Gehirn sich zusammenfaltete und sich klein in eine Ecke legte.«

Mit Kirsten Fuchs sieht man auf jeden Fall mehr: mehr Schönheit im Hässlichen, mehr Komik im Tragischen – und umgekehrt.

So viel Fantasie und Talent für Skurriles zu haben ist aber auch nicht leicht. Meine Damen und Herren, stellen Sie sich jetzt bitte vor, Sie seien Kirsten Fuchs. Sie treffen sich mit Kollegen zum Kaffee oder zum Bier, sie unterhalten sich eigentlich gut. Doch ihr Gegenüber unterbricht Sie ständig, wenn Sie etwas gesagt haben: »Orr, warte mal, warte mal, kann ich das haben?, das muss ich mir aufschreiben … Komm du hast doch genug davon!« Oder Sie werden gar nicht gefragt, Sie verabschieden sich von Ihrem Gesprächspartner, drehen sich noch einmal um, und da sehen Sie: Derjenige hat schon den Notizblock hervorgeholt und kritzelt wie wild … Meine Damen und Herren, das was ich gerade beschrieben habe, ist kein Witz, das passiert wirklich.

Die Idee gefällt mir aber: Kirsten Fuchs‘ Sprachwitz verbreitet sich wie ein Virus oder Mem über diverse Träger auf die gesamte Literatur- und Comedyszene. Beide würden dadurch gewinnen, definitiv.

Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass Kirsten Fuchs den Förderpreis Komische Literatur 2016 erhält und gratuliere ihr sehr herzlich. Einen passenderen Preis für sie kann ich mir kaum denken (außer dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor natürlich).

Liebe Kirsten, herzlichen Glückwunsch zu dieser hochverdienten Ehrung und alles, alles Gute! Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit dir!

 

Sebastian Wolter
Kassel, am 20.02.2016

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