Unter der Lupe: PoD-Dienstleister Lulu.com 

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Lulu ist derzeit in aller Munde: ein Tool für Autoren, das den Buchmarkt revolutionieren möchte. Nach eigener Aussage kommen jede Woche 1300 neue Titel hinzu, zu Zeit befinden sich etwa 50.000 in der Datenbank. Was ist das? Lulu.com ist ein Anbieter von PoD („Print on Demand“) – das heißt jeder kann dort seine Bücher veröffentlichen und diese werden nach Bedarf gedruckt. Im Unterschied zum hiesigen Marktführer bod.de ist bei Lulu keine Grundgebühr und Mindestauflage fällig und es wird keine langfristige Bindung verlangt. Lulu verdient genau wie der Autor ab dem ersten verkauften Buch anteilig mit (20% vom Gewinn). Bei BOD sind allerdings ISBN und damit der Zugang zum regulären Buchhandel schon mit im Paket, bei Lulu gibt es das derzeit für Deutschland noch nicht. (Daran wird aber wohl gearbeitet.) Bei beiden Anbietern sorgt der Autor für Gestaltung und Satz selbst.


Christine Koschmieder hat auf dem Autorenschrittmacher-Blog ein Interview mit Daniel Bender vom European Lulu Team geführt. Bender nutzt das Interview vor allem, um kräftig Werbung in eigener Sache zu machen:

Das klingt z.B. so:

„Lulu revolutioniert und demokratisiert das Publizieren, weil es jetzt so einfach ist, ein Buch zu veröffentlichen, wie zum Beispiel einen Blog zu starten.“

„Der Luluismus geht über Kommunismus und Kapitalismus hinaus und schafft zwischen beiden die Quadratur des Kreises.“

„Bei Lulu gibt es keine Kontrollinstanz, keinen ergrauten Lektor, der entscheidet, welche Werke es wert sind, auf den Markt zu gelangen.“

Hier wird das klassische Klischee bedient: Der ergraute und — das heißt es ja implizit — stockkonservative Lektor, die unüberwindbare Barriere für den Autor.

Dazu das Literaturcafe treffend: „Jeder wirklich professionelle Autor weiß seinen Verlagslektor zu schätzen und erkennt, welchen Anteil sie oder er daran hat, das Wertvolle aus dem Text herauszuarbeiten. Denn dass ein unlektorierter Text schlechter ist als ein lektorierter, ist eine Tatsache.“

Auch sollte man die Anziehung, die ein „richtiger“ Verlag auf einen Schrifsteller hat, nicht unterschätzen (Ausnahmen davon werten ihre Unabhängigkeit eben höher). Und: Bei Lulu ist man einer unter Tausenden, bei einem gut gepflegten Verlagsprogramm profitiert der Autor dagegen auch vom Image des Verlags.

Dazu kommt ja, dass der Verlag auch Vermarktung und Vertrieb übernimmt, was für einen Laien sicherlich nicht so einfach ist. Natürlich gibt es Autoren, wohl hauptsächlich im Sach- und Fachbuchbereich, die mit etwas Geschick und Suchmaschinenoptimierungskenntnissen die Vermarktung auch via Website, Blog und Google adwords übernehmen könnten, doch ist das für viele leichter gesagt als getan und wahrscheinlich im Falle von Adwords für Belletristik oder Lyrik nicht sinnvoll: Mit welchen Suchbegriffen will man z.B. einen Roman bei Google bewerben? Das kann bei zu allgemeinen Begriffen schnell ins Geld gehen. Mal ganz abgesehen von der Zeit, die so etwas kostet und die viele sicherlich lieber ins Schreiben investieren möchten. Oder in ihren Brotjob investieren müssen. Ein guter Verlag erledigt so was alles für einen Autor.

Unbestritten hat PoD (und damit Lulu) Vorteile: Autoren können auf aktuelle Themen viel unmittelbarer reagieren und sich nicht den doch recht langen Vorlaufzeiten bei Verlagen unterwerfen. Bei Lulu findet jedes Nischenthema bzw. Nischenliteratur, die für Verlage nicht kostendeckend zu realisieren wäre, ihren Platz und ist dank Datenbanksuche auch auffindbar für Interessierte (Stichwort: Long Tail). Aktualisierungen, gerade bei Fachbüchern wichtig, können erfolgen, ohne dass eine Auflage erstmal abverkauft werden muss.

Der wichtigste Vorteil jedoch: Lulu wird den schwarzen Schafen der Verlagsbranche, den Zuschuss-Verlagen, das Geschäftsmodell streitig machen: Warum in Zukunft noch ca. 2500 Euro zahlen für eine 1000er Auflage, um dann nach ein paar Jahren davon 980 vertraglich festgeschrieben selbst abnehmen und im Keller einlagern zu müssen?

Für uns Verleger könnte Lulu allerdings ebenfalls interessant sein: Es macht es äußerst einfach, vergriffene Titel weiter kostengünstig vorrätig zu halten. Wie die Druckqualität ausfällt, müsste allerdings noch getestet werden. Auch die Idee, dass Verlage Lulu beobachten könnten und als Talentepool (bzw. als „Seismograf“ für Trends) benutzen, leuchtet mir ein (auch wenn ich nicht an Benders These der Bestseller-Rekrutierung glaube). Solche Fälle hat es vereinzelt bei BoD schon gegeben. Sollte Lulu auch noch ein User-Rating einführen, wäre es als Seismograf perfekt. Vorbildlich und damit vielleicht Schrittmacher für andere Verlage ist Lulu auch beim Ansprechen seiner Community: Video- und Podcasts sind selbstverständlich. Da können sich viele Verlage noch eine Scheibe abschneiden. (Auch wir, aber da sind leider fehlende Zeit und Manpower die Haupthindernisse. Aber was nicht ist …)

Fazit: Lulu wird seinen Platz im Buchmarkt finden, diesen aber nicht umpflügen.

Zum Weiterlesen: Stimmen aus der Praxis gibt es hier, ein weiteres Portrait von Lulu hier. Außerdem hat sich Christine Koschmieder noch eingehender mit verschiedenen Aspekten rund um Lulu beschäftigt und räumt auch mit ein paar von Lulu selbst gern gepflegten Klischees auf: z.B. hier und hier und hier.

2 Kommentare:

  1. Einen wundervollen guten Tag wünsche ich!

    Wer genau überprüft, wird feststellen, dass Lulu BoD gegenüber sehr viele Vorteile bietet. Das fängt bei der Einfacheit der Realisation an und endet beim Preis.
    Was beide jedoch nicht ausführlich genug erklären ist die Angelegenheit mit den Paketen, wo man zu den Grossisten, Barsortimentern und Buchhandlungen kommen soll.
    Das Problem, was nicht angesprochen wird ist, dass man den Herstellungspreis viel zu hoch ansetzt, sodass dann bei der Kalkulation für den Grossisten und den Buchhandel eine absolut unerschwinglicher Preis für den Konsumenten entsteht. Man hat zwar die ISDN, doch eigentlich nutzt sie recht wenig, leider. Man ist auch beim VLB registriert, doch damit ist auch schon Ende Gelände. Wenn man sich selbst um ISDNs bemüht, bekommt man 10 Stück schon für 165 Euro, statt eine für 99€ :-)

    Dennoch kann man bei Lulu richtig Geld verdienen, wenn man ein gutes Produkt hat. Wenn man ehrlich ein Buch einige Tausendmal verkauft, das einen 3 – 4 Euro Gewinn bringt, dann ist das eine feine Sache. Vor allem deshalb, weil man außer evtl. dem Lektorat, Korrektoratund dem Cover keine Unkosten hat und wer was kann, bezahlt auch dafür nichts.

    Mich hat Lulu auf jeden Fall dazu inspiriert, einen Kleinstverlag zu gründen und selbst zu verlegen. (Gugst Du)
    Dass große Verlage Manuskripte ablehnen hängt zu 95% nicht von der Qualität derer ab, sondern von Faktoren, die hier den Rahmen sprengen würden. Das bedeutet aber andersrum, dass man bei Lulu durchaus gute Literatur finden kann. Auch in den Buchregalen der Läden verstaubt viel Mumpitz, das ist sicher.

    BoD wird sich warm anziehen oder mitziehen müssen, wenn es Lulu das Wasser reichen will. Bislang zieht Lulu stärker am Strang, das ist zumindest nach eingehender Prüfung der Angebote meine ganz persönliche Meinung.

    Beste Grüße

    Ryan

    8. Juni 2007 | 22:29 
  2. Interessant ist auch die deutschsprachige Plattform XinXii, über die man seine Texte zu zig Themen kostenlos hochladen und verkaufen kann – schon ab 1 Seite Umfang. Das Konzept ist also wie lulu.com. Die Autorenprovision beträgt 70% pro Download vom Verkaufspreis. Wer ein Blick darauf werfen möchte: http://www.xinxii.com

    16. Oktober 2009 | 13:26 

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