»Ass der Kelche« – Im Gespräch mit unserer Autorin Chris Lauer

Gerade ist Dein Gedichtband Alles Schöne ist mit Mehl bestäubt bei uns erschienen und wenn man sich das Buchcover anschaut, liegt die Frage nahe: Was ist denn dein Lieblingsvogel?

Chris: Ich habe einen Lieblingsvogel, also ein ganz bestimmtes Exemplar, einen Pfau, der meinen Eltern zugelaufen bzw. zugeflogen ist und der seitdem bei ihnen im Garten wohnt. Er hat sich sogar eine Mulde gescharrt und stolziert da rum und schlägt sein Rad.

Du bist ja gerade aus Luxemburg zu Gast am LCB am Wannsee. Hast du denn schon von der Pfaueninsel gehört?

Chris: Ich habe schon häufiger davon gehört, war aber noch nicht dort. Das erste Mal, als jemand davon erzählte, habe ich allerdings »Fraueninsel« verstanden. Vielleicht schaffe ich noch einen Ausflug zu den Pfauen, wenn ich das nächste Mal in Berlin bin.

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Wer abgründige Sprachbilder und das subtile Spiel mit Reimen mag, wird an Chris Lauers ätzend schöner Poesie große Freude haben. Diese Gedichte kennen keinen allmächtigen Gott, keine glückliche Liebe und keine heilen Familien. Dafür kennen sie die Sehnsucht nach etwas, das größer ist als wir selbst, umso besser — genau wie die profanen Orte, an denen diese Sehnsucht zu Hause ist.

»Ungeschönt, trashig und dennoch hochpoetisch. Gedichte wie ein zerschlissener Morgenmantel, dessen Seide im Morgenlicht glänzt. Mutig wider aller Unmöglichkeiten.« – Katharina J. Ferner

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Wenn du nicht in Berlin bist, hast du’s lieber etwas ländlicher. Den Kontrast zwischen Stadt und Land thematisierst du auch immer wieder in deinen Gedichten. In Land schreibst du »Etwas treibt mich immer wieder zurück«. Kannst du sagen, was dieses «Etwas» ist?

Chris: Es ist der Provinzcharme, dem ich mich schwer entziehen kann. Die Schnelllebigkeit und das Roughe der Stadt führt mich immer wieder aufs Land. Aber es gibt auch eine Ähnlichkeit in der Schroffheit vom Land und Berlin.

»Unverdautes«, »Lungenflügel geschlachteter Schwein«, »Spucke«; In deinem Gedicht Bahnhofsviertel heißt es »eingekotet«, bei Sport »übergebe [ich] mich in meinen geschlossenen Mund hinein«. Deine Sprache ist fein und präzise, aber du nimmst kein Blatt vor den Mund. Welche Kraft liegt für dich in der Darstellung des Hässlichen?

Chris: In meiner Dichtung will ich auf die fließenden Grenzen zwischen Schönheit und Hässlichkeit hinweisen, gerade wenn es um große menschlichen Themen wie Liebe und Transzendenz geht. Wie erzählen wir uns zum Beispiel die Liebe, und welche Brüche werden hier bei genauerer Betrachtung sichtbar? Darum geht es mir.

Apropos schön: Bei dem Titel deines Gedichtbandes [Alles Schöne ist mit Mehl bestäubt] hat vermutlich sofort jede*r ein Bild im Kopf. Was bedeutet der für dich?

Chris: Es gab noch andere Titel, die ich überlegt habe. Der Arbeitstitel war »Visitenkartenparty«, ich bin aber jetzt sehr froh mit dem Titel, der Schönheit und Hässlichkeit verknüpft. Das Mehl ist nicht wortwörtlich, also keine Backwaren, sondern eher eine Art Aura, etwas, das über den Dingen schwebt: Was passiert, wenn man das «Mehl» wegwischt und das Darunterliegende zum Vorschein kommt? Andere Beispiele sind Nebel oder Raureif, etwas, das sich über die Dinge legt und sie anders wirken lässt und ihnen einen surrealen Touch verleiht.

In deinem Gedicht Live rufst du die Geister Hölderlins und Ingeborg Bachmanns an. Was hast du von beiden gelernt?

Chris: Den unbedingten Willen zur Form und die Bildgenauigkeit.

In deinem Gedicht August beschreibst du eine Szene bei einer Handleserin: «So viel kann ich sagen // Es wird kein Spaß». Was hat die Handleserin zuletzt in deiner Hand gelesen? 

Chris: Bei einer Handleserin war ich nicht, auch wenn ich es schön finde, dass man eine Art Landkarte auf der Handinnenseite trägt. Eine kleine witchy Ader habe ich aber und auch schon mal einen anderen Autor meinen Kaffeesatz lesen lassen. Und ich habe auch eine Tarot-App. Da habe ich neulich die Karte »Ass der Kelche« gezogen, die für »überfließende Liebe, tiefe Emotionale Erfüllung, neue Beziehungen, Mitgefühl, ein offenes Herz« steht.

Das klingt dann ja nun eigentlich doch nach ein bisschen Spaß. Vielen Dank für das schöne Gespräch, liebe Chris! Hier gibt’s noch einen kleinen Rückblick zu deiner Buchpremiere in der Luxemburgischen Botschaft am 1. September 2026.