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Autoreninterview Sarah Bosetti 

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Sarah Bosetti ist eine Erfindung ihrer Eltern. Seit 1984 ist sie anwesend, halb Mensch und halb Frau, studierte zunächst Filmregie in Brüssel und zog dann nach Berlin, wo sie sich seither zur Ersparnis eigener Heizkosten im Scheinwerferlicht der Slam-, Lese- und Kabarettbühnen wärmt. In ihrem Debütroman »Mein schönstes Ferienbegräbnis« erzählt sie vom Ende der Jugend, dem Übergang vom Kindsein zum Kindkriegen.
Hier steht sie uns für unsere Interviewreihe Rede und Antwort, die Fragen stellte Flora Ihlau.

Tee oder Kaffee?

Kakao.

Dein Spitzname in der Grundschule?

Klosetti. Rosetti. Posetti.

Dein größtes unnützes Talent?

Ich kann sehr gut nicht singen.

Mit welcher Person, tot oder lebendig, würdest du am liebsten ein Abendessen verbringen?

Ich esse ja ganz gern mit lebendigen Personen zu Abend, wenn auch eventuell nur aus Gewohnheit. Mit einem Leuchtturmwärter könnte ich gut zu Abend essen, glaube ich. Wie sind Leuchtturmwärter? Ich stelle sie mir uneitel vor.

Welches Buch hast du zuletzt verschenkt?

Ich verschenke immer abwechselnd Bücher von Max Goldt und Walter Moers.

Dein liebster Streitpartner?

Der Schlaf. Er mag mich nicht.

Dein schlimmstes Bühnenerlebnis?

Vor Kurzem ist ein »besorgter Bürger« zu einem unserer Slams in Berlin gekommen und hat einen Text vorgelesen, in dem er prophezeite, all die bösen muslimischen Flüchtlinge würden einen Bürgerkrieg anzetteln, Deutschland in Schutt und Asche legen und wir müssten dann ihr Land wieder für sie aufbauen. Das war ein bisschen schlimm, weil wir als Moderatoren neutral bleiben, ihm aber eigentlich keine Bühne bieten wollten. Man weiß ja vorher nie, was jemand vorzutragen vorhat. Wir haben ihn dann ausreden lassen, nicht zuletzt, um der »Nirgendwo darf man sagen, was man ja wohl noch mal sagen dürfen wird«-Pseudoargumentation kein Futter zu geben. Und als er von der Bühne ging, hat einfach niemand im Saal applaudiert. Das habe ich beim Slam noch nie erlebt. Ich war ein bisschen stolz auf unser Publikum.

Worüber hast du dich zuletzt geärgert?

Über die Dummheit und Feigheit der Menschen.

Was würdest du machen, wenn du keine Schriftstellerin wärst?

Nachts besser schlafen wahrscheinlich. Vielleicht Filme machen, das hab ich ja mal studiert. Ich weiß nicht, ob ich eine gute Leuchtturmwärterin wäre, aber ich habe gerade auf Wikipedia gelesen, dass es den Beruf gar nicht mehr gibt. Da stand auch, dass Wikipedia jetzt seit fünfzehn Jahren existiert. Vor fünfzehn Jahren war ich in der zehnten Klasse. Wie habe ich es nur ohne Wikipedia in die zehnte Klasse geschafft?

Womit kann man dich gut vom Schreiben ablenken?

Mit Wikipedia.

Nehmen wir an, du würdest gerade an einem Liebesroman arbeiten. Wie würde er heißen?

»One Shade of Grey.« Es wäre eine sehr traurige Geschichte über zwei manisch-depressive Menschen, die nie zueinander fänden, weil ihre Stimmungen entgegengesetzt zueinander getaktet wären: Immer, wenn er gerade eine manische Phase hätte, wäre sie depressiv. Und andersherum. So könnten sie nie wirklich etwas miteinander anfangen.

Wie sieht dein perfekter Tag aus?

Schönes, aber nicht zu warmes T-Shirt-Wetter. Kluge, gute, lustige Menschen um mich herum, die mich mögen, obwohl sie klug, gut und lustig sind. Ein See mit Boot. Viel Zeit, mein Hund, zirpende Grillen, fliegende Fliegen, das ganze Trara. Daneben aufgereiht: eine Tischtennisplatte, ein Bällebad, eine Hüpfburg und ein Schlagzeug. Von mir aus auch eine Kiste Bier. Und niemand, der sich über den Lärm beschwert.

Welcher Politiker hat Poetry-Slam-Qualitäten?

Die meisten, glaube ich. In der Politik gibt es ja viele Bühnenmenschen. Sie wären aber alle bessere Slammer, wenn sie mehr Humor hätten.

Was möchtest du im Leben noch unbedingt erleben?

Meinen perfekten Tag.

Bloggeraktion: Kurzgeschichten-App »A Story A Day« 

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Du schreibst über Literatur in unterschiedlichsten Formaten?
Vor einigen Jahren haben wir begonnen, uns Gedanken über alternative Distributionswege für Kurzgeschichten zu machen – ein Literaturformat, welches sich besonders gut für den Konsum in den verschiedensten Situationen anbietet. Ob unterwegs, an der Bushaltestelle, auf dem Wiese im Park. Eines ist meist dabei: das Smartphone. So enstand die Idee für unsere Kurzgeschichten-App »A Story A Day«.
Sie bietet jeden Tag eine neue Kurzgeschichte, welche Wartezeiten verkürzen, beim Start in den Tag helfen oder einfach zwischendurch ablenken, amüsieren oder zum Nachdenken anregen kann. Die App wird mit Geschichten aus unseren Büchern gespeist – gelegentlich kooperieren wir auch mit anderen Verlagen. Mit dabei sind bekannte Autoren und Autorinnen wie Kirsten Fuchs, Ahne, Marc-Uwe Kling, Volker Strübing, Jochen Schmidt, Julius Fischer uva.

Deine Meinung zur App und ihren Funktionen interessiert uns!
Um sie ausprobieren zu können, möchten wir dir einen kostenlosen Zugang zur Verfügung stellen. Wenn du magst, kannst du deinen Lesern in diesem Zusammenhang gerne einen kostenlosen Testzeitraum von 14 Tagen anbieten.

KEY FEATURES:

  • Jeden Tag eine neue Geschichte
  • Android und iOS
    (Preis: 3,59 Euro für Android, 3,99 Euro für iOS.)
  • Der abweichende Preis ist durch die vorgegebenen Preisstaffeln der Appstores entstanden.
  • Optimiert für Smartphone und Tablet
  • Variable Schriftgröße
  • Tag-/Nachtmodus
  • Verwalten von Favoriten
  • Informationen zu Autoren
  • Variable Designs
  • 5 Geschichten gratis
  • keine Werbung

Diese Informationen findest du auch unter: www.a-story-a-day.de

Bei Interesse schreibe einfach eine E-Mail mit einer kurzen Vorstellung deines Blogs an: tomke.duennhaupt@voland-quist.de
Wir schicken dir dann einen Zugangscode zu.
Auch bei weiteren Fragen oder Anregungen freuen wir uns über deine Nachricht.

Newsletter abonnieren und Kirsten Fuchs‘ Buch »Eine Frau spürt so was nicht« geschenkt bekommen! 

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Einmal im Monat versenden wir den Voland & Quist Newsletter. Hier erfahrt ihr regelmäßig Neuigkeiten rund um unsere Bücher und Autoren. Wer gewinnt welchen Preis? Welche Titel erscheinen im Herbstprogramm? Was passiert auf der nächsten Buchmesse? Wo und wann liest welcher Autor?

Wenn ihr euch jetzt neu für unseren Newsletter anmeldet, bekommt ihr als Dankeschön das eBook »Eine Frau spürt so was nicht« von Kirsten Fuchs.

Einfach registrieren und in wenigen Tagen gehört das Buch euch.

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Foto: Paul Bokowski

»MY4LTRS« – Kurzfilm von Nora Gomringer 

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Unsere Dichterin Nora Gomringer mit einem Poesie- und Doku-Kurzfilm zur Frage nach genetischer Souveränität und Selbsterkenntnis.

Im Auftrag für ein Colloquium zum Thema »Sprache und Wissenschaft« im April 2016 entstanden, verbindet der poetische Doku-Kurzfilm »MY4LTRS« die Frage nach menschlicher DNA und der Auswirkung der zunehmenden Kenntnis derselben auf die Entscheidungsfreiheit des Menschen. Nora Gomringer geht ins Naturkundemuseum, singt ein Nacktmulllied, lässt Guanin, Cytosin, Adenin und Thymin tanzen und ihre Mutter über eine potentielle Abtreibung zu Wort kommen. Liebevoll, tierreich und seltsam, hintergründig und zart sind diese Untersuchungen der eigenen biographischen Fragezeichen. Gomringers Film verortet sich – auch mit Hilfe von Found Footage – in der empirischen Welt, die mit etwas mehr kindlichem Staunen erträglicher bliebe. Ihre »4 Letters« sind neben G-A-T-C, die sie mit allen Menschen teilt, ihre eigenen 4, die ihren Namen ausmachen. Aber seht selbst.

MIT: Nortrud Gomringer, Judith Kinitz, Mariya Zoryk, Matthias Mäuser, Rainer Gerstner
Cinematography/Kamera/Schnitt: Judith Kinitz
Found Footage: Mike Huntemann
Sound/Mix: Pyromusic

Literatursalon im Mai: Ahne 

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Endlich! Ahne kehrt 2016 mit einem neuen Buch zurück, in dem er unseren Zeitgeist in unverwechselbarer Art kommentiert und persifliert: »Ab heute fremd« heißt sein brandneuer Band, den er im Literatursalon vorstellen wird.

Ahne ist angekommen im 21. Jahrhundert, und er möchte so schnell wie möglich weiter ins 22. Jahrhundert. Das aber geht (noch) nicht, denn die Technik ist da noch nicht so weit. Schade eigentlich. Ist es deshalb nun ein technikkritisches Buch geworden? Jein! Es ist überhaupt ein kritisches Buch geworden. Es kritisiert alles und jeden und gibt ganz nebenbei auch Antworten.

Termine:
Dienstag, 17. Mai 2016, 20:00 Uhr – Chemnitz, Atomino
Mittwoch, 18. Mai 2016, 20:00 Uhr – Leipzig, Horns Erben
Donnerstag, 19. Mai 2016, 20:30 Uhr – Dresden, Thalia Kino
Montag, 23. Mai 2016, 20:00 Uhr – Potsdam, KuZe

Dienstag, 24. Mai 2016, 20:30 Uhr – Berlin, Ocelot
Montag, 30. Mai  2016, 20:00 Uhr – Jena, Café Wagner

Tickets gibt es hier oder direkt an der Abendkasse.

Ahne, 1968 in Berlin-Buch geboren, ist gelernter Offset-Drucker. Die Wende war für ihn ein Glücksfall: Er wurde arbeitslos und Hausbesetzer. Ahne war etliche Jahre bei den Surfpoeten aktiv und liest jeden Sonntag bei der Berliner Reformbühne Heim & Welt. Insgesamt sind vier Bände seiner »Zwiegespräche mit Gott«, drei Bücher mit Kurzgeschichten sowie ein Lyrikband bei Voland & Quist erschienen. Ahne ist einer der bekanntesten Lesebühnenautoren der Welt.

(Foto: Oz Ordu)

Rückblick Buchpremiere Ahne, »Ab heute fremd« 

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Hier ein paar Eindrücke von Ahnes Buchpremiere von »Ab heute fremd«. Mit dabei im Heimathafen Neukölln waren die special guests Fil und Sedlmeir.

Morgen: Buchpremiere Ahne in Berlin 

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Am 20.4. ab 20 Uhr feiert Ahne die Buchpremiere seines neuesten Werks »Ab heute fremd« um 20 Uhr im Heimathafen Neukölln mit den very special guests: Fil & Sedlmeir.

Ahne ist ein Mensch. Er ist da, weil er geboren wurde und noch nicht gestorben ist. Er setzt sich ein für alles was gut ist und kämpft gegen alles was er nicht gut findet. Er findet, dass kein Zwang zur Lohnarbeit von Nöten ist, dass jeder Mensch alles kriegen sollte was er braucht und Kinder und Tiere und Pflanzen und Mineralien, die sollte man nicht essen, außer wenn es nicht anders geht (Hunger). Ahne hasst Menschen, die überall mitmachen und er liebt Musik, die man nicht ständig hört und er liebt auch noch anderes, was er aber in diesem Profil nicht verrät, wegen Datenschutz. Kann man aber bestimmt nachlesen und dadurch herauskriegen bei dem was er so schreibt in seinen Schreibsachen. Ahne wird langsam älter, durch die Zeit.

»Ab heute fremd«? Einige werden sich fragen: Wer, wie, was, warum? Doch Ahne ist angekommen im 21. Jahrhundert, und er möchte so schnell wie möglich weiter ins 22. Jahrhundert. Das aber geht (noch) nicht, denn die Technik ist da noch nicht so weit. Schade eigentlich. Ist es deshalb nun ein technikkritisches Buch geworden? Jein! Es ist überhaupt ein kritisches Buch geworden. Es kritisiert alles und jeden und gibt ganz nebenbei auch Antworten. Dazu benötigt es allerdings weit über hundert Seiten gefüllt mit Kurzgeschichten, Zwiegesprächen mit Gott und Strichzeichnungen. Dank der CD im Buch kann man Ahne auch zuhören.

Vorverkauf: 14 Euro
Abendkasse: 16 Euro

Ahne © Oz Ordu

Literatursalon im April: Marion Brasch 

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Im April haben wir Marion Brasch im Literatursalon zu Gast. Sie spinnt in ihrem neuen Roman skurrile Geschichten um »Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot« und beantwortet endlich die Frage, was Godot so treibt, während Wladimir und Estragon vergeblich auf ihn warten. Nachdem er nämlich bei einem schweren Unwetter den Niedergang der Werte überstanden hat, begegnet er dem Weihnachtsmann, verbringt eine surreale Nacht im Kaufhaus und verliert kurz darauf seine Stimme, die er beim Gefährlichen Reißwolf wiederzufinden hofft. Er macht Bekanntschaft mit dem jungen Hermann Hesse, der gerade eine Schreibblockade hat, begegnet einem verwöhnten Lackaffen und einer sonderbaren Fischfängerin. Und so ganz nebenbei wird auch das Geheimnis der Weltformel gelüftet.

Termine:
Montag, 11. April 2016, 20:00 Uhr – Chemnitz, Atomino
Dienstag, 12. April  2016, 20:00 Uhr – Jena, Café Wagner
Mittwoch, 13. April 2016, 20:00 Uhr – Leipzig, Horns Erben
Montag, 25. April 2016, 20:30 Uhr – Berlin, Ocelot
Dienstag, 26. April 2016, 20:00 Uhr – Potsdam, KuZe
Mittwoch, 27. April 2016, 20:00 Uhr– Dresden, Thalia Kino

Tickets gibt es hier oder direkt an der Abendkasse.

Marion Brasch wurde in Ostberlin geboren. Nach dem Abitur arbeitete die gelernte Schriftsetzerin in einer Druckerei, bei verschiedenen Verlagen und beim Komponistenverband der DDR. 1987 begann sie als Musikredakteurin bei DT64, später arbeitete sie u. a. für Radio Fritz, Kulturradio und radioeins (RBB). 2012 erschien ihr Familienroman »Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie«, der zum Bestseller wurde, 2014 folgte »Wunderlich fährt nach Norden« (beide S. Fischer).

Foto: Lars Reimann

Laudatio Förderpreis Komische Literatur 2016 für Kirsten Fuchs 

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Kürzlich wurde unserer Autorin Kirsten Fuchs der Förderpreis Komische Literatur 2016 verliehen. Den Kasseler Literaturpreis für Grotesken Humor 2016 erhielt der Schriftsteller Wolf Haas. Mehr Info zu den beiden Preisen, die explizit das Komische in der Literatur auszeichnen, hier.

Und hier die beiden Preisträger in Kassel:

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Die Laudatio auf Kirsten durfte ich halten, nachzulesen im Folgenden:

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es freut mich sehr, dass nach Jochen Schmidt 2004 nun erneut ein Vertreter der Lesebühnenszene mit dem Förderpreis Komische Literatur ausgezeichnet wird. Kirsten Fuchs ist sicherlich die bekannteste und erfolgreichste Vertreterin dieser Szene.

Kirsten Fuchs wurde 1977 in Karl-Marx-Stadt geboren, wuchs aber in Berlin auf. Sie hatte schon als Kind Spaß am Ausdenken, am Rumspinnen und Erzählen. Das Schreiben war irgendwann einfach ein weiterer Kanal dafür, könnte man vielleicht sagen.

Als 15-Jährige besuchte sie 1993 eine Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Nach dem Abitur begann sie ein Literaturstudium an der Humboldt-Universität – das war ihr aber zu trocken. Sie wollte lieber etwas »Schmutziges, Lautes, Konkretes« machen, wie sie einmal sagte, und begann eine Tischlerlehre (eine ihrer selbst gebrannten CDs mit eigenen Texten war dann auch passend »Schreinerin der Herzen« betitelt).

Nach der Lehre hat sie die Lesebühnen für sich entdeckt, erst als Gast, dann ab 2002 als Mitglied. Diese trugen so klingende Namen wie »Blauer Drache«, »Erfolgsschriftsteller im Schacht«, »O-Ton Ute« und »Chaussee der Enthusiasten«. Schriftstellerin zu werden war jedoch eigentlich nie ihr Ziel, ihr Antrieb für das Schreiben blieb das Ausdenken. Zeitweise war sie sogar Mitglied von mehreren Lesebühnen gleichzeitig. Das bedeutete, jede Woche mindestens zwei neue Texte zu schreiben – sie hatte einfach zu viel zu erzählen, schätze ich.

Das war früher. Als viel bewunderte Eminenz der Szene kann sie es sich mittlerweile jedoch leisten, Nachwuchs um sich zu scharen und nur noch monatlich aufzutreten – ihre aktuelle Lesebühne heißt also dementsprechend schlicht: »Fuchs & Söhne«.

An dieser Stelle eine Bemerkung zu Lesebühnen: Eine Lesebühne ist eine feste Gruppe von Autoren, die sich regelmäßig trifft, um neue, selbst verfasste Geschichten vorzulesen. Im Unterschied zum Poetry Slam gibt es hier keinen Wettbewerb. Oft wird der Alltag der Autoren zu humorvollen, satirischen Texten veredelt, im Zentrum steht ein Ich-Erzähler. Auch Kirsten Fuchs ist zu Hause im Mikrokosmos Alltag. Sie beobachtet genau, ihre Menschenkenntnis ist bewundernswert. Von Kirsten Fuchs jedoch zu behaupten, sie würde sich »nur« mit Alltagsproblemen auseinandersetzen, unterschlägt die psychologische Tiefe, die ihre Texte ausmachen. Bei Kirsten Fuchs ist das Entscheidende nicht einfach das, was passiert bzw. was geschildert wird. Das, was ihre Geschichten zu etwas Besonderem macht, ist das Wie, ihr Blickwinkel, die Ideen, die Assoziationen.

Wie viel der realen Person Kirsten Fuchs steckt aber nun wirklich in ihren Lesebühnentexten? Dazu zitiere ich einen Rezensenten: »Ob ihre Geschichten alle stimmen, ist egal. Sie stimmen trotzdem.« Denn darum geht es: Sie handeln von den Erlebnissen einer Ich-Erzählerin, und man darf lachen, ja, muss es sogar, aber man erfährt dabei meist auch etwas Grundsätzliches: über das Leben, über Beziehungen, manchmal auch über sich selbst.

Das Schlüsselwort für das Schreiben von Kirsten Fuchs ist: Fantasie. Genauer: überbordende Fantasie. In einem ihrer Texte erzählt sie, sie sei auf der Gesamtschule gewesen, weil sie zu wenig Konzentration für gute Noten und damit fürs Gymnasium hatte, ich zitiere: »Logisch, wenn man den halben Tag im Kopf tanzt oder Schlagzeug spielt.« Genauso stelle ich mir die jugendliche Kirsten Fuchs vor: irgendwie verträumt, verpeilt würde man heute vielleicht sogar sagen, aber trotzdem auch schlagfertig und witzig. Und ziemlich cool.

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Kirsten Fuchs‘ Geschichten jedenfalls sind skurril, schnoddrig, hintergründig, oft um mindestens drei Ecken gedacht, entwaffnend ehrlich, derb, melancholisch, verträumt, sehr witzig und sehr originell, oder wie es mal eine Rezensentin treffend ausdrückte: »Das ist kein harmlos verschmunzelter Emanzen-Pop. Das ist viel besser, mehr Pippi Langstrumpf als Bridget Jones.«

Kirsten Fuchs kann jedoch nicht nur die sehr kurze Form: 2003 erhielt sie ihren ersten Literaturpreis, und zwar für einen Romanauszug. Sie gewann den renommierten Open Mike, DEN Nachwuchswettbewerb der Literaturbranche. Hier ist sie dann auch zum ersten Mal dem Betrieb, d.h. Agenten und Verlagen, aufgefallen: Folgerichtig erschien zwei Jahre später ihr Debütroman »Die Titanic und Herr Berg« bei Rowohlt Berlin. 2008 der nächste: »Heile heile«. Und letztes Jahr veröffentlichte sie den von der Kritik hochgelobten Roman »Mädchenmeute«. Ihre wichtigste Veröffentlichung allerdings wird 2009 erschienen sein: ihre Tochter Nina. Mit der bereist sie dieses Jahr die Welt, und auf »Welt und Kind« bloggt sie darüber.

Wie kam nun Kirsten Fuchs zu uns, zum Verlag Voland & Quist? Als Lesebühnenautorin kannten wir sie schon lange, aber 2008 ergab sich die Gelegenheit zur Zusammenarbeit. Für die Fernsehsendung »Nicht der Süden« sollte sie die Arktis bereisen. Zusammen mit Volker Strübing, einem unserer Autoren. Das gleichnamige Buch, das dabei als Reisebericht entstehen sollte, würde bei Voland & Quist erscheinen.

Ich weiß noch: Obwohl das ganze Projekt unter einem wahnsinnigen Zeitdruck entstand, lieferte Kirsten etwas ab, was mich noch heute verblüfft: einen kompletten Roman! Einen Roman, in dem die Protagonistin, die Enkelin von Kirsten Fuchs, auf den Spuren ihrer Großmutter im Jahr 2063 eine Reise zum letzten Eisbären unternimmt, ebenfalls begleitet von einem Kamerateam. Das was Kirsten auf dieser Reise wirklich erlebt hat, wurde durch ihre Fantasie transformiert – und heraus kam eine Art Science Fiction.

Zwei Erzählbände haben wir mittlerweile von ihr veröffentlicht. Als ihr Verleger und Lektor versetzt sie mich oft in Staunen. Ja, ich sitze oft da und denke: Geht denn das so? Kann man das so schreiben? Das ergibt manchmal auch recht hitzige Diskussionen. Aber: ja, man kann. Bzw. Kirsten Fuchs kann. Und sie sollte auch. Denn so entsteht dieser besondere, sehr originelle Kirsten-Fuchs-Stil. In der Begründung der Jury heißt es treffend, sie pflege »einen unverwechselbaren Ton« – ich versteige mich dazu, zu behaupten: Einen Text von Kirsten Fuchs erkenne ich zwischen hundert anderen, so unverwechselbar sind Sprachwitz und Humor. (Kleiner Tipp: Achten Sie auf Neologismen und durch die Mangel gedrehte Sprichwörter und Redewendungen.)

Liebeskummer z.B. klingt so: »Mein Herz tut weh. Ich esse Bratwurst mit Auakraut.«
Angst so: »Ich kam nicht dagegen an, dass mein Gehirn sich zusammenfaltete und sich klein in eine Ecke legte.«

Mit Kirsten Fuchs sieht man auf jeden Fall mehr: mehr Schönheit im Hässlichen, mehr Komik im Tragischen – und umgekehrt.

So viel Fantasie und Talent für Skurriles zu haben ist aber auch nicht leicht. Meine Damen und Herren, stellen Sie sich jetzt bitte vor, Sie seien Kirsten Fuchs. Sie treffen sich mit Kollegen zum Kaffee oder zum Bier, sie unterhalten sich eigentlich gut. Doch ihr Gegenüber unterbricht Sie ständig, wenn Sie etwas gesagt haben: »Orr, warte mal, warte mal, kann ich das haben?, das muss ich mir aufschreiben … Komm du hast doch genug davon!« Oder Sie werden gar nicht gefragt, Sie verabschieden sich von Ihrem Gesprächspartner, drehen sich noch einmal um, und da sehen Sie: Derjenige hat schon den Notizblock hervorgeholt und kritzelt wie wild … Meine Damen und Herren, das was ich gerade beschrieben habe, ist kein Witz, das passiert wirklich.

Die Idee gefällt mir aber: Kirsten Fuchs‘ Sprachwitz verbreitet sich wie ein Virus oder Mem über diverse Träger auf die gesamte Literatur- und Comedyszene. Beide würden dadurch gewinnen, definitiv.

Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass Kirsten Fuchs den Förderpreis Komische Literatur 2016 erhält und gratuliere ihr sehr herzlich. Einen passenderen Preis für sie kann ich mir kaum denken (außer dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor natürlich).

Liebe Kirsten, herzlichen Glückwunsch zu dieser hochverdienten Ehrung und alles, alles Gute! Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit dir!

 

Sebastian Wolter
Kassel, am 20.02.2016