Indie-Verlage heute und morgen 

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Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag hat neulich in der taz ein ziemlich düsteres Bild der kleinen Verlage gemalt. Dies und die Diskussionen um die Zukunft der Buchbranche wegen der nun ernstzunehmenden eBooks und des Medienwandels haben mich veranlasst, mir ein paar Gedanken zur Situation und der Zukunft von unabhängigen Verlagen zu machen.

Die aktuellen Probleme von Indie-Verlagen

Schwer zu schaffen machen uns Indies laut dem Artikel von Jörg neben den altbekannten und »normalen« Problemen (vor allem geringe Präsenz in den Buchhandlungen und Feuilletons, wodurch die Leser nicht von unseren Büchern erfahren können) jetzt auch noch die Finanz-/Wirtschaftskrise und damit einhergehende Absatzschwierigkeiten. Zuletzt hat Urs Engeler Editor sein Buchprogramm einstellt, weil er seinen Mäzen verloren hat.

Jörgs Prognose ist düster, er meint, »dass der Verlag von Urs Engeler nicht der letzte ist, der bald die Produktion einstellen wird. Und mit diesen Verlagen, die mehr an Literatur als an Rendite denken, verschwinden auch die Räume für die Literatur selbst.«

Nicht ganz abwegig, wenn man die Szene der »jungen Indies« in letzter Zeit betrachtet: Die Verleger von Tropen hatten die begrenzten Möglichkeiten eines kleinen Verlags satt und ihr Haus vor zwei Jahren unter das Dach von Klett-Cotta gegeben, Heinrich & Hahn musste aufgeben, Tisch 7 veröffentlicht keine Bücher mehr, Urs Engeler dito …

Medienwandel und Buchverlage

Mittel- bis langfristig kommen zu den genannten Problemen auch noch die Herausforderungen der Digitalisierung und eines sich durch das Internet wandelnden Verhältnisses zwischen Verlagen, Autoren und Lesern hinzu – kleiner Trost: dies betrifft alle Verlage, auch die großen.

Leander Wattig hat in seinem Blog ein paar Überlegungen dazu angestellt: U.a. geht es darum, ob Buchverlage in Zukunft noch gebraucht werden – und hier stehen die großen Verlage m.E. sogar schlechter da als die kleinen, dazu später mehr.

Ich glaube, dass (unabhängige) Verlage nicht verschwinden werden, auch in Zukunft werden sie die Verbreitung und Bekanntmachung ihrer Autoren organisieren, also z.B. Lektorat und Korrektorat sowie die Pressearbeit übernehmen, Lesereisen oder den Vertrieb online/offline organisieren u.v.m. Würden Autoren das alles selbst tun, hätten sie einen Vollzeitjob, müssten Leute beschäftigen und außerdem einiges an Kosten bewältigen, die sonst der Verlag übernimmt. Das Wichtigste: Für das Schreiben hätten sie kaum noch Zeit. Nach meiner Erfahrung haben viele Autoren auch keine Lust, sich um die geschäftliche Seite ihrer Arbeit zu kümmern. Verlage sind m.E. gewissermaßen Dienstleister ihrer Autoren, die ihnen einen Großteil der für sie eher unangenehmen Aufgaben abnehmen – und sie kennen sich damit auch besser aus. Womöglich werden sich die Aufgaben der Verlage in einigen Bereichen verschieben (z.B. hin zu Communitys pflegen, Merchandising), aber ausreichend Mehrwert bieten wir auf jeden Fall für unsere Autoren. Zumindest so lange, bis sie richtig bekannt sind, dann sieht es vielleicht etwas anders aus. (Dieses Problem haben wir Kleinverleger allerdings auch jetzt schon …)

Ein Szenario

Ein neues Phänomen könnte aber sein, dass hinreichend bekannte Bestsellerautoren in Zukunft (in 20 Jahren?) ihre Texte lieber selbst digital im Netz vermarkten, um so mehr Kontrolle zu haben und natürlich mehr zu verdienen. Lektorat, Herstellung könnten sie einkaufen, den Vertrieb übernimmt Amazon, Google und die eigene Website. In Ansätzen passiert das schon, Stephen King hat vor ein paar Jahren mit einem Fortsetzungsroman experimentiert, bei dem neue Kapitel auf seiner Website nur veröffentlicht wurden, wenn seine Leser genug Geld überwiesen (hat damals aber nicht funktioniert). Oder die großen Händler werden selbst Verleger: Hier ist Amazon mit einer neuen Reihe Vorreiter und hat auch schon eine Geschichte von Stephen King (der schon wieder!) exklusiv seinem Kindle beigelegt.

Beides wäre aber vor allem ein Problem für die großen Verlage, die schon jetzt in zunehmendem Maße von Bestsellern abhängen. Trotzdem glaube ich, dass im Großen und Ganzen auch in Zukunft die Konzernverlage mit Star-Autoren und Fernseh-Stars den Massenmarkt bedienen werden, sie werden sich sogar verstärkt auf diese konzentrieren.

Ein Problem für den Buchmarkt wird sein, dass mittlere Verlage es noch schwerer haben werden als jetzt, eingequetscht zwischen der Marktmacht der großen (z.B. hinsichtlich der Vorschüsse und Marketingbudgets) und der der Handelsketten und Online-Händler (wg. sich stetig verschlechternden Konditionen) – Stichwort: »Collapse of the middle«. D.h. im Mittelfeld der Verlagslandschaft wird Vielfalt verloren gehen – im Übrigen auch bei den Autoren, bei denen Auflagen von 10.000 Stück den Großen oft jetzt schon nicht mehr genug sind. (Vielleicht werden diese Autoren aber bei kleineren Verlagen wieder auftauchen.)

Dafür werden wir mehr Vielfalt durch kleinere Verlage und Verlagsmodelle (z.B. BoD) bekommen, auch wegen neuer kostengünstiger Vertriebswege. Denkbar sind z.B. Fortsetzungsromane im Abo für eReader oder Smartphones, einzelne Kurzgeschichten für 99 Cent zum Download (Modell itunes), Bücher-Flatrates, Bücher als Shareware (»Hier klicken, um den Rest des Buches zu kaufen«) usw. Da werden noch viele Geschäftsmodelle entstehen. Nicht zuletzt aber können kleinere Verlage auch mit geringeren Absatzzahlen rentabel arbeiten.

Wenigen Megabestsellern im Bereich über 250.000 werden also unzählige Bücher bzw. eBooks im Bereich bis 10.000 verkauften Einheiten gegenüberstehen, dazwischen wird es aber nicht mehr so viel geben wie heute. (Anzeichen für eine solche Entwicklung gibt es jetzt seit ein paar Jahren schon, auch ohne die Auswirkungen der Digitalisierung.)

Und das alles wird vom Leser mehr Aktivität und Expertise verlangen, um die zu ihm passende Lektüre zu finden, wenn er mehr will als einen kleinen Strauß an Bestsellern. Und dank des Internets wird das möglich sein. Hier kommen auch die Vorteile der unabhängigen Verlage gegenüber den Großen ins Spiel: Sie sind näher dran an ihrer Community, sie kennen ihre Zielgruppe. Ihr Profil bietet ihren Lesern/Fans Orientierung, und es macht sie unverwechselbar.

Was also tun?

Da wir unabhängigen Verlage kaum Einfluss darauf haben, ob wir im Buchhandel oder in den Feuilletons stärker wahrgenommen werden, müssen wir andere Wege finden, mit Lesern direkt in Kontakt zu treten. Man kann und muss das auf Messen, Buchmärkten, Lesefestivals usw. tun – und ergänzend dazu vor allem über das Internet. Hier stehen wir im Moment fast gleichberechtigt neben den großen Verlagen: Bei Facebook z.b. haben Voland & Quist oder mairisch mehr Fans als KiWi oder Klett-Cotta, ein Blog ist im Netz so nah wie der andere, professionelle Webpräsenzen kosten weniger als eine große Anzeige in der FAZ. Natürlich braucht man dafür auch wieder Zeit und Personal, sicher, auch Geld zum Investieren, all dies ist bei den Indies knapp. Aber das Internet bietet hier neue Möglichkeiten, denn Software ist billig, dank Open Source oder Social Media. Und wenn wir im Netz mit unseren Lesern direkt und auf Augenhöhe kommunizieren (Community First), authentisch und erkennbar sind, dann haben wir gute Chancen, auch in 20 Jahren noch die Literaturlandschaft zu bereichern.

Deshalb: Newsletter und professionelle Websites sind selbstverständlich, Blogs sollten es sein, dazu müssen wir Social Media kennenlernen und nutzen: z.B. mySpace, Facebook, Twitter. Vielleicht funktioniert nicht alles für jeden, vielleicht gibt es das ein oder andere Netzwerk bald nicht mehr oder es wird durch ein anderes abgelöst, aber nur Ausprobieren hilft dabei, sich für die zunehmend digitaler werdende Kommunikation der Menschen fit zu machen und an ihr teilzunehmen, um sie als Leser und Käufer zu erreichen.

So, das waren meine Überlegungen grob zusammengefasst. Was denken Sie, was denkt ihr? Ich freue mich auf eine Diskussion!

11 Kommentare:

  1. Gerade wegen der unausweichlichen Digitalisierung sind mir als Verbraucher gut gemachte Bücher wichtig, also interessante Gestaltung, saubere Typographie, gutes Papier etc. Das kostet natürlich auch erst einmal Geld, ist aber ein Kaufargument für ein „richtiges“ Buch, weil E-Books und Internetveröffentlichungen diesen Mehrwert nicht bieten können. Ich glaube, dass gerade die kleinen Verlage auf diesem Sektor Terrain verteidigen können.

    15. Juni 2009 | 11:44 
  2. @jens: das sehe ich auch so. wir sollten trotzdem beides bieten: gut gemachte print-bücher, aber auch ebooks, wenn es dafür eine nachfrage gibt.

    15. Juni 2009 | 11:53 
  3. interessante analyse, sehe das im wesentlichen genauso. nur komisch, dass sowas in den feuilletons kaum diskutiert wird. ich sehe grosse parallelen zur musikindustrie. die hat den anstehenden wandel ja auch lange ignoriert. ich glaube, dass es in wenigen jahren nur noch ganz kleine verlage und die majors geben wird, die kleinen verlage werden vermutlich meist nebenberuflich betrieben und haben ggfs. noch einige freie mitarbeiter auf honorarbasis (designer, lektoren, pr) beschäftigt. und, da pflichte ich bei, die grossen werden trashbiographien und supermarktseller in die strandkörbe legen. und ich glaube auch, dass autoren durchaus die zeit aufbringen werden, sich selbst zu vermarkten und sich ggfs. vermehrt zu netzwerken zusammenschliessen. teilzeitkunst, das ist die zukunft der schreibenden zunft.

    2. August 2009 | 19:24 
  4. tja, „teilzeitkunst als zukunft der schreibenden kunst“ klingt sehr wahrscheinlich, ist aber im grunde auch jetzt schon aktuell. ich habe ja trotzdem die hoffnung, dass autoren auch in zukunft vom schreiben leben können, ausreichenden erfolg vorrausgesetzt – und hier bieten neue publikationbsmodelle sicherlich auch neue möglichkeiten. und für kleine verlage erhoffe ich mir natürlich das gleiche (auch hier arbeiten ja viele kollegen jetzt schon nebenbei) ;)

    3. August 2009 | 14:20 
  5. Netter Beitrag!
    Das Problem haben Sie gut erkannt aber auch Lösungswege aufgezeigt.
    Ich wünsche Ihnen auch in einer Medienrevolution von Papier weg zum elektronischen lesen viel Erfolg und Glück!

    Die Ansätze zeigen Sie allemal.

    4. August 2009 | 12:01 
  6. Ich glaube auch daran, dass sich der Buchmarkt stärker polarisieren wird – mit mehr Chancen für die Nische. Gut analysiert, dass Buchhandel und Feuilleton hier versagen und neue Kommunikationsformen zwischen Verlag und Leser gefunden werden müssen, neue Präsenz für Bücher. Vielleicht werden kleinere Verlage eines Tages auch Werbegemeinschaften bilden?

    Nur ein Bild über Autoren in Großverlagen möchte ich zurechtrücken: Wer dort keinen Spitzentitel erreicht, muss längst das gesamte PR- und Pressegeschäft selbst abwickeln, wenn das Buch nicht nach dem Motto „Friss oder stirb!“ auf den Markt geworfen werden soll.
    Und deshalb gibt es auch unzählige Autoren, die gar nicht die Auflagen erreichen, die sie rein nach Verlagsgröße erreichen könnten – weil Zielpublikum nicht mehr direkt angesprochen wird.

    Wer als Autor wirklich noch betreut und gepflegt werden möchte, muss sich heute zwischen Auflagenversprechen und Verlagsengagement entscheiden. Nichts für sich und die eigenen Bücher zu tun, können sich auch in Großverlagen nur noch Bestsellerautoren leisten.

    Dass Verlage durch neue Publikationsmodelle überflüssig werden, glaube ich ausgerechnet auf dem Qualitätssektor nicht – wieder eine Chance für die Nische!

    4. August 2009 | 12:19 
  7. @ Boomel vielen dank :)

    @ Petra: ebenfalls vielen dank für den kommentar. zu „autoren in großverlagen“: so etwas habe ich auch schon öfter gehört, aber viele autoren vertrauen da doch eher noch dem großen namen, als ihr werk gezielt einem passenden kleinen und engagierten verlag anzuvertrauen. aber vielleicht ändert sich auch das in den nächsten jahren …

    4. August 2009 | 12:26 
  8. Stimme Ihnen voll und ganz zu. Das wird natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf den Buchhandel haben, der in eine ähnliche Situation wie die Verlage geraten könnte: »Collapse of the middle«. Auch diese Tendenz ist jetzt schon deutlich sichtbar. Und auch das Medium »Buch« selbst wird sich weiter entwickeln. Die heutigen E-Books sind ja nichts anderes als eine andere Version des Gedruckten. Das wird nicht so bleiben. In meinem neuen Buch »Von Autoren, Büchern und Piraten ? Kleine Geschichte der Buchkultur« (Artemis & Winkler, September 2009) beschäftigt sich das letzte Kapitel ausführlich mit der Gegenwart und möglichen Zukunft der Buch- und Netzkultur.
    Beste Grüße,
    Detlef Bluhm

    4. August 2009 | 13:52 
  9. dass e-books sich weiterentwickeln werden denke ich auch. auch hier wird es aber gleichzeitig eine große vielfalt geben, von ebooks ohne zusatzmaterial bis hin zu solchen mit sehr viel. ich kann mir nämlich vorstellen, dass auch das „normale“ lineare lesen ohne ablenkung weiterhin seine freunde haben wird (manchmal nerven mich ja schon fußnoten beim lesen). wahrscheinlich kauft man eben mal das eine und mal das andere.

    auf ihr buch bin ich jedenfalls gespannt, wahrscheinlich werde ich die erweiterte version von textunes testen ;).

    4. August 2009 | 14:43 
  10. Es ist interessant festzustellen, wie aktuell dieser Artikel nach drei Jahren noch ist! Ich habe Erfahrung sowohl als Autorin eines großen Verlags wie auch als Selfpublisher. Obwohl meine Bücher recht erfolgreich waren bzw. sind (ich glaube, das darf man bei mehr als 350Tsd. Auflage mit drei Romanen sagen), habe ich mich trotzdem entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Grund ist nicht die Bezahlung und nicht die (Mehr-)Arbeit, sondern das, was mich einst zum Schreiben brachte: die Faszination für das Gesamtkunstwerk Buch. Schlimm, wenn die Verantwortlichen in (großen wie kleinen!) Verlagen nicht mal mehr wissen, was „Schusterjungs“ sind (die „Hurenkinder“ kriegen sie ja meistens noch hin :) ). Lektorat und Korrektorat werden zunehmend outgesourct oder gleich ganz gestrichen, die seit Jahren festzustellenden „Marketing-Maschen“ sind für mich in der Mehrzahl nur lieblose Versuche, marktgängige Titel zu kreieren und schnellstmöglich unter die Leute zu bringen. Mir fehlt der Vergleich zu früheren Zeiten, aber was ich heutzutage vermisse sind: die Liebe, die Begeisterung für Bücher, das wunderbare Gefühl der Stimmigkeit von Form und Inhalt, und da spielt es keine Rolle, ob print oder „e“. Wer einmal den Zauber kennengelernt hat, ein Buch selbst zu gestalten, kann den (Groß-)Verlags-Automatismus der Bucherstellung nur noch schwer ertragen. Aber selbst wenn man darüber hinwegsähe, bliebe immer noch das Problemfeld „Inhalt“: Trends, Trends, Trends. Allerdings muss man ehrlicherweise sagen, dass sich der Markt hier auch nach den Kunden, also den Lesern richtet, die am liebsten jeden Monat einen neuen Roman ihres Lieblingsschriftstellers „verschlingen“ würden.
    Ich glaube aber – wie Sie -, dass die digitale Welt zumindest die Möglichkeit offenlässt, anderes auszuprobieren. Insofern finde ich Ihren Artikel wegweisend. Ich glaube und hoffe, dass gerade die kleinen Verlage in dieser Welt auch weiterhin ihre Nische finden werden. Dass es geht, zeigt ja beispielsweise der Wagenbach-Verlag, der mit der „Salto-Reihe“ wundervollen Inhalt in wundervolle Form gegossen hat.

    Mit vielen Grüßen
    N. Hahn

    12. Mai 2012 | 02:40 
  11. Ebooks sind SO einfach. Aus diesem Grund Sie die Zukunft, auch wenn manch einer das nicht glauben möchte.

    17. Juni 2012 | 01:04 

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  1. […] Wolter antwortete darauf am 12. Juni 2009 mit einem Beitrag im Voland & Quist Verlagsblog, in dem er Sundermeier […]

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