SWR Bestenliste Juli/August 2026

Am 8. September 1522, nach drei Jahren zermürbender Fahrt auf hoher See, erreichte das letzte geschundene Schiff der großen Magellanschen Flotte Sevilla. Am Tag genau 500 Jahre später erschien in Tschechien der Gedichtband Spatřil jsem svou tvář (dt. Und ich sah mein Gesicht), in dem Petr Hruška eine fiktive Schiffsreise beschreibt.

Inspiriert von Antonio Pigafettas Reisebericht von der ersten Umsegelung der Welt nimmt uns der Dichter mit auf eine poetische Reise, losgelöst von Zeit und Raum. Das Schiff – ein Bild, das wir bereits aus früheren Gedichten kennen – trägt und bestimmt die Reise, auch metaphorisch. Ist das Boot, in dem wir alle sitzen, stabil genug, um uns weiter zu tragen? Was hat das Kirchenschiff mit unserem Glauben zu tun? Steht die Menschheit am Anfang? Am Ende? Oder drehen wir uns, gefangen auf einem Narrenschiff, immer nur im Kreis? Petr Hruška hat ein Buch der Wunder geschrieben, das uns die Freude am Staunen zurückbringt.

»Mit dieser Reihe von Gedichten, die eine Reise beschreiben – Gedichten, die nuanciert und voller Wunder sind –, beginnen wir, zu verstehen, was das Leben ist oder sein könnte.« — Ilya Kaminski

Stimmen

Und wie immer sind es genau beobachtete Details, die er stark macht. Martina Lisa zeichnet sie in ihrer Übersetzung mit leichter Hand nach, auch Hruškas Rhythmus, sein Spiel mit Zeilensprüngen und dem Tempo der Verse. Das Raffinierteste an Hruškas Versen jedoch ist, dass er sich zwar an Pigafettas Wahrnehmung hält, die Gefahr einer einseitigen, womöglich kolonisatorischen Perspektive aber gekonnt umschifft.

DLF Kultur, Nico Bleutge

Hruškas Gedichte, aus dem Tschechischen von Martina Lisa übersetzt, schwingen permanent zwischen konkreter Bedeutung und Metapher hin und her, eröffnen imaginäre, auch spirituelle Räume und kehren zurück in die Welt des Haptischen, um sich erneut aufzumachen. Ein poetisches Unterwegssein im besten Sinne.

Jurybegründung SWR Bestenliste

Das ist die Dialektik der Aufklärung in Verse gefasst. Dass mit dem Aufbrechen auch immer wieder ein Umschlag ins Wilde, ins Fremde, ins Irritierende, ins spiegelnde Ich hinein stattfindet. (...) Sprache ist nicht zu erschöpfen, die lyrische Sprache ist immer Material, mit dem ich sozusagen immer wieder die Welt umrunden und umsegeln und umschiffen kann und trotzdem niemals fertig bin.

Beate Tröger, SWR

Man merkt, dass hier ein Autor am Werk ist, der mit historischen Stoffen umzugehen weiß.

Carsten Otte, SWR