Hallo Monika!

Moment mal, die kennt man doch! Seit April unterstützt uns Monika Rettig im Bereich Booking.
Einigen wird sie vielleicht bekannt vorkommen – gerade denjenigen, die sich im Herbst gerne in Erfurt rumdrücken: Seit 2012 war sie Programmchefin der Erfurter Herbstlese. Jetzt freuen wir uns darüber, dass sie uns und unsere Autor:innen mit ihrer Erfahrung und Motivation unterstützt. Was, wann und wo sie gerne liest, haben wir sie hier etwas genauer gefragt.

Liebe Monika, würdest du sagen, der Herbst ist die beste Zeit zum Lesen?

Monika: Die beste Zeit zum Lesen ist, denke ich, gar nicht so sehr von der Jahreszeit, sondern von unserer aktuellen Stimmung und Lebenssituation abhängig. Und es gibt natürlich auch bestimmte Gewohnheiten oder Rituale beim Lesen, die ich sicher mit vielen anderen teile, zum Beispiel, den Tag mit ein paar Seiten im aktuellen Lieblingsbuch zu beschließen.
Aber der Herbst ist vermutlich eine ziemlich gute Zeit für Lesungen. Zumindest habe ich in Erfurt die Erfahrung gemacht, dass zum Herbstlese-Festival in der Regel mehr Publikum kam als im ersten Halbjahr zur Frühlingslese, der kleinen Schwester der Erfurter Herbstlese. Das mag u. a. daran liegen, dass es einen im Frühjahr und Sommer mehr nach draußen zieht. Aber letztlich ist die beste Zeit zum Lesen spätestens immer dann gekommen, wenn wir von einem Buch ergriffen werden, wenn uns seine Sprache und seine Inhalte packen, irritieren, begeistern oder verstören. Da ist es dann ganz egal, wo wir gerade sind, ob die Sonne scheint oder es regnet, ob die Tage kurz oder lang sind.

Über die Jahre hast du mit vielen Autor:innen zusammengearbeitet und zahlreiche Literaturformate konzipiert. Gibt es etwas, das dich immer wieder aufs Neue fasziniert?

Monika: Das Faszinierendste an der Arbeit in der Literatur- und Veranstaltungsbranche ist für mich immer wieder die Begegnung mit den Autor:innen und Künstler:innen. Das empfinde ich nach wie vor als ein großes und bleibendes Geschenk, unheimlich interessant, anregend und bewegend. Aber auch das, was ich die «Sternstunden» bei Veranstaltungen nennen möchte: Wenn der berühmte Funke überspringt und man als Veranstalterin spürt, dass Autor oder Autorin und das Publikum miteinander «ins Gespräch» kommen – im wörtlichen, aber vor allem auch im übertragenen Sinne. Das lässt sich manchmal gar nicht gut in Worte fassen, ist aber real und man merkt es, wenn die Gäste richtiggehend beseelt nach Hause gehen. Ich habe das zum Beispiel noch sehr lebendig in Erinnerung von einer Lesung mit Benedict Wells in Erfurt oder auch von den literarisch-musikalischen Programmen mit Matthias Brandt und Jens Thomas.
Faszinierend finde ich zudem auch die Erfahrung, dass sich zu einem Text, selbst wenn man ihn schon gut kennt, durch das Vorlesen noch einmal ganz neue Facetten erschließen können.

Was bedeutet Literatur für dich?

Monika: Eine für mich sehr persönliche Bedeutung von Literatur reicht weit in meine Vergangenheit zurück: Die recht späte Entdeckung von Büchern war für mich, die ich aus einem kultur- und literaturfernen Elternhaus komme, wie eine Befreiung; die Eröffnung ganz neuer Welten und Horizonte, neuer Ausdrucks- und Empfindungsmöglichkeiten. Ich bin immer noch meinen durchweg tollen und engagierten Deutschlehrerinnen sehr dankbar, die mich zum Lesen geführt haben. 

Wieso ist gemeinsames Lesen so wichtig?

Monika: Die Zustimmung, auf die etwa das neue Formst des silent reading stößt, zeigt deutlich, dass Lesen das Bedürfnis nach einem Ruheraum, einem Rückzugsort und einem analogen Gegenpol zur rasend schnellen und reizüberfluteten digitalen Welt befriedigen kann. Man ist beim silent reading ganz für sich und erlebt dennoch Verbundenheit und Gemeinschaft mit den anderen, die auch gekommen sind. Ähnliche Erfahrungen macht man meines Erachtens beim gemeinsamen Zuhören bei Lesungen. 

Wann, wo und wie liest du selbst am liebsten?

Monika: Als Frühaufsteherin pflege ich seit einigen Jahren das Ritual, frühmorgens, wenn das Tagwerk noch ein Stück weit entfernt ist, ein gutes Stündchen zu lesen. Ansonsten ist das «berufliche Lesen» mittlerweile ein weitgehend digitales am Laptop, aber umso mehr genieße ich das «private Lesen» schön gestalteter, gedruckter Bücher.

Was war dein Erstkontakt mit V&Q?

Monika: Der «Erstkontakt», wenn man ihn so nennen will, reicht in die Zeit zurück, als es den Verlag noch gar nicht gab: Leif absolvierte im Aufbau Verlag ein Praktikum, als ich dort im Bereich Lesungen und Veranstaltungen arbeitete. Da habe ich ihn zum ersten Mal erlebt, und schon damals war sein großes Potenzial zu spüren. Sein toller Werdegang und seine Leistungen als unabhängiger Verleger haben das dann eindrucksvoll bestätigt. Es ist schön, dass sich unsere Wege nun auf diese Art und Weise erneut kreuzen und ich Teil von Voland & Quist sein kann. 

Welches Buch aus dem aktuelles V&Q-Programm hat es dir besonders angetan? Auf welchen Titel im Herbstprogramm freust du dich schon jetzt?

Monika: Ich möchte gerne zwei aktuelle Bücher des Verlagsprogramms nennen, die mir besonders gut gefallen: Zum einen ist es der Abenteuer- und Schelmenroman Blender von Anke Engelmann, der voller Fabulierlist steckt, sprachlich schön ist und auf sehr überzeugende Art die absolut fantastische Geschichte eines notorischen Lügners und ungewöhnlichen Außenseiters mit konkreter Zeitgeschichte verknüpft. Zum anderen konnte ich das genauso erschütternde wie berührende Romandebüt Parasiti von Alisha Gamisch, die generationenübergreifende Geschichte einer russlanddeutschen Familie, kaum weglegen. Erzählt aus der Perspektive von Großmutter, Tante und Enkelin, spannt der Roman einen großen familiären wie historischen Bogen und zeigt auf beeindruckende Weise, wie sich die Angst, etwas Falsches oder zu viel zu sagen und besser zu schweigen, aus der Vergangenheit über die Generationen hinweg bis in die Gegenwart hinein weitervererbt. Aber er zeigt auch, wie dieses große Schweigen zumindest in Teilen aufgebrochen werden kann.
Im Herbstprogramm bin ich besonders neugierig auf das vielstimmige Lemberg-Porträt von Ziemowit Szczerek.

Wie erreicht man dich ab sofort bei uns? 

Ich arbeite als Externe für den Verlag und bin in der Regel in Frankfurt, arbeite vom Homeoffice aus. Dort bin ich über diese Mailadresse erreichbar: monika.rettig@voland-quist.de.